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Sommertörn auf dem Bodensee

Zwei Frauen auf dem Bodensee-Törn mit dem Folkeboot

(Yvonne Begré, F SUI 22, Larice)
 

Ein Freitag im Juli: Segelwechseln oder: Der Schiffsjunge fehlt schon am ersten Tag!

Meine Freundin Erika - sonst eine H-Boot-Seglerin - sticht mit mir am Freitagvormittag vor Arbon am Bodensee-Südufer in See. Unser optimistisches Ziel ist der liebliche Ort Wasserburg am Deutschen Ufer. Eine aufgelockerte Bewölkung hängt über dem See und über dem Schweizer Ufer haben sich dunklere Wolken festgesetzt. Sicherheitshalber setze ich erst mal die Fock. Nach einem Abschiedskuss von meinem Mann Heinz, gleiten wir bei drehenden Winden gemächlich unserem Ziel entgegen. Etwas zu gemächlich für meinen Geschmack und so setze ich bald einmal die Topgenua. Frau ist ja schliesslich gut ausgerüstet! Jetzt geht es schon zügiger voran. Der Windgott ist nun auch aufgewacht und bläht seine Lungen, so dass es für die frei fliegende Topgenua schon bald einmal zu viel wird. Kein Problem: Für solche Fälle haben wir ja noch die kleine Genua, den sogenannten Breezer. Ich bin ja so häufige Segelwechsel nicht gewohnt, denn normalerweise macht das mein Mann Heinz. Um meiner Mitseglerin Erika das ganze Segelprogramm zu präsentieren, schlüpfe ich natürlich gerne mal in die Rolle des Schiffsjungen, bei mir auch liebevoll "Gango" genannt (von: Gehe.... um .... zu machen...) Kommt dem einen oder der anderen vielleicht bekannt vor. Als wir vor Wasserburg angelangt sind, frischt es nochmals auf, und so ist nochmals ein Gang aufs Vorschiff angesagt. Breezer runter, Fock rauf! Langsam artet das in Arbeit aus! Heute ist doch unser erster Ferientag! Weil's noch früh am Nachmittag ist, rauschen wir noch bis zur Halbinsel Lindau am Bayrischen Bodenseeufer weiter und wieder zurück nach Wasserburg. Der Wind und die Sonne sind immer noch so schön, dass wir es einfach nicht übers Herz bringen, jetzt schon in Wasserburg einzulaufen. Wir nehmen daher Bregenz-Supersbach ins Visier. Im Bregenzer Yachtclub lassen wir bei einem feinen Essen den Tag ausklingen. Was ich mal meinen amerikanischen Freunden erklärt habe, trifft zu: Am Bodensee kann man am Morgen in der Schweiz frühstücken, dann nach Deutschland segeln und dort das Mittagessen einnehmen. Abends legt man sich dann in Österreich zur Ruhe. Und das Tollste daran ist: Man befindet sich die ganze Zeit am gleichen See!

      

Samstag: Arbeitsminimierung = Erholungsoptimierung

So heißt die Devise des heutigen Tages. Tatsächlich unterbieten wir das häufige Segelwechseln des gestrigen Tages. Der Wind von 1-2 Bft. ist den ganzen Tag über recht konstant und wir geniessen einerseits die Sicht auf die Inselstadt Lindau, andererseits den Blick auf einige edle, ältere Holzschiffe, unter anderem einen Gaffelsegler mit der Nummer K22. Heute ist für uns ein Platz im Hafen Hard (A) reserviert, denn wir haben uns für die Clubausfahrt des Yacht Clubs Arbon angemeldet. Mir macht es Spass unter Segel in den hintersten Hafenteil von Hard vorzudringen und dann neben unseren Clubfreunden anzulegen.

 

Sonntag: "Pitsch-patsch, I was taking a bath." oder: Warum gut gemeinte Hilfe manchmal nicht sehr hilfreich ist

Um 06.30 Uhr prasselt ein heftiger Regen nieder, doch frühstücken können wir schon wieder im Trockenen. Mit wenig Wind geht es Richtung Wasserburg und als Äolus endgültig die Puste ausgeht, provoziert ihn Erika mit einem Bad im See. Ja, es ist kaum zu glauben, was so ein "Schwumm" in den höheren Lüften auslösen kann! Kaum ist Erika an Bord und noch nicht mal richtig abgetrocknet, erhält sie von mir schon diverse Anweisungen. Innert kürzester Zeit hat sich aus den im Westen stehenden Wolken ein Sturm gebildet und das obwohl sich an der Wolkenkonstellation in der vergangenen halben Stunde eigentlich nicht gross etwas geändert hat. Die Ruhe vor dem Sturm gibt es wirklich! Wir befinden uns unweit des kleinen Hafens von Wasserburg und Erika birgt das Vorsegel, bringt die Fender an und legt die Anbindtaue bereit. Ich starte den Aussenborder, schon saust das Grosssegel runter und mit Volldampf geht es in den Hafen. Was für ein Glück, dass wir gleich einen Platz mit einem grünen Schild (= freier Platz) sichten. Mit etwas mehr Fahrt als gewünscht sausen wir in die Box. Zu spät für mich, um die Achterleinen um die beiden riesigen Poller zu legen. Nebenan deckt ein Paar gerade sein Motorboot zu. Der Mann nimmt hilfsbereit unsere Vorleine entgegen und macht sie an einem Ring fest. Wie sich herausstellt, hat sein Knoten nicht viel getaugt, denn er löst sich bald darauf von alleine auf. Unser "Helfer" hat mittlerweile entdeckt, dass wir die Achterleinen noch nicht ausgebracht haben und schreit uns im lauter werdenden Sturm zu, was wir auch schon wissen: "Sie müssen hinten festmachen." "Wissen wir, und wenn Sie die Vorleine lockern, kann das Schiff zurückfallen, damit es in die Nähe der Dalben gelangt." Kaum habe ich das Tau um einen (!) der beiden Dalben geschwungen, merke ich, dass sich das Schiff schon wieder wegbewegt. Wie das? Da zieht doch einer! "Ich bin noch nicht fertig", schreie ich unserem Helfer zu und bekomme so die Möglichkeit, ein weiteres Mal das Tau um den Dalben zu schwingen. Verflixt, schon wieder entfernt sich das Schiff und ich bekomme nochmals lange Arme. Für den Helfer war die Sache nämlich damit erledigt und er zog vorne wie ein Stier. Erika reisst nun der Geduldsfaden und sie macht dem Helfer unmissverständlich klar, worum es geht. So erhalte ich endlich die Gelegenheit den angefangenen Mastwurf fertig zu machen. Den Mastwurf am zweiten Dalben darf ich dann in relativer Ruhe und nahe des Dalbens stehend anbringen. Kaum ist die Persenning oben, prasselt schon der erste Regen nieder und wir flüchten ins "Haus des Gastes" zu heissen Getränken und einem wärmenden Essen.

Es regnet munter weiter und wir verziehen uns in den Vorraum des Restaurants zum Lesen und Ausruhen auf dem Sofa. Erstaunt blicken wir hoch, als uns - pitsch- patsch - eine bildhübsche, schwarzhaarige, junge Frau in regengetränkten Jeans und schwarzem Pullover mit einer orangen, althergebrachten, am Oberkörper angebrachten Schwimmweste entgegenstapft. "Sie sind wohl von oben bis unten nass", spricht Erika sie an, was eigentlich unübersehbar und auch irgendwie unüberhörbar ist. "Ja, wir waren draussen in dem Sturm, es war einfach schrecklich!" "Woher sind Sie denn gekommen?" Sie gibt uns auf diese Frage ihren Wohnort, welcher nicht am Bodensee liegt, an. Als wir nachfragen, kann sie auch nach kurzem Überlegen den Ausgangsort ihrer Schiffsreise nicht nennen. Er liege aber auch auf einer Insel (Wasserburg ist seit der Aufschüttung eines Dammes eine Halbinsel, aber das ist ja eigentlich nebensächlich) Ob sie vielleicht in Lindau gestartet seien, frage ich. Nach einem kurzen Schräglegen des Kopfes meint unsere durchweichte Dame, nein, Lindau sei es nicht gewesen und die Mainau auch nicht. Belassen wir es dabei. Als wir sie fragen mit was für einem Schiff sie denn hergekommen sei, antwortet sie: Mit einem Segelschiff, wobei sie das Wort "Segel" stark betont und in die Länge zieht. Wir zeigen uns schwer beeindruckt, obwohl wir uns da ja schon fast gedacht hatten... Ihr Mann hätte erst im letzten Jahr die Segelprüfung gemacht und ihr Schwiegervater und ihr Mann hätten dann dieses Schiff gekauft. Es sei heute das erste Mal, dass sie beide alleine unterwegs gewesen seien und es sei einfach schrecklich gewesen! Ihr Mann sei immer nur im Kreis gefahren und sie müssten heute noch zurück. Erika wagt noch eine letzte Frage. Ob sie trockene Kleider habe? Ja, aber im Auto..... Ach ja, auf der unbekannten Insel im Bodensee. Bedauernde Blicke folgen ihr, als sie - pitsch-patsch, die Schwimmweste immer noch fest verzurrt (sicher ist sicher, auch an Land und in Gebäuden!) - die Treppenstufen zum WC hinuntertappst. Vielleicht tun wir der jungen Frau Unrecht, doch wir schätzen mal, dass sie für längere Zeit vom Segeln die Nase voll hat!

Wir folgen an diesem Abend noch der spontanen Einladung eines Wasserburger Ehepaares, das ebenfalls ein Folkeboot segelt. Auf dem Spaziergang zu ihrem Haus decken wir uns an einem Stand mit köstlichen Beeren und Kirschen ein.

 

Montag: Auf fantastische Wolkenformationen folgt ein brandheisser Abend

Nach einer außerordentlich unruhigen Nacht mit starkem Wellengang, Seitenwind und viel Regen laufen wir um etwa 11.00 Uhr aus. Die Stimmung mit den dunklen Wolkenwalzen und grauen Fetzen an den Hängen des Schweizer Ufers ist grandios. Wider Erwarten werden wir heute nicht einmal nass. Das Segeln gestaltet sich recht mühsam, denn wir müssen aufkreuzen und die Welle vom gestrigen Sturm ist noch recht hoch und das bei eher mittelmäßigem Wind. Im Seerestaurant in Friedrichshafen treffen wir auf ein paar Freunde und unterhalten uns gut. Als ich von der Toilette zurückkomme, behauptet die Gruppe doch tatsächlich, ich hätte versucht das Restaurant in Brand zu setzen! Beim Aufstehen sei ich an die aufgestellte und akkurat gefaltete Stoffserviette gestoßen, diese sei auf die Kerze gefallen und hätte sich entzündet. So ein Quatsch, denke ich, doch zwei kleine schwarze Flecken auf dem Tischtuch und die Tatsache, dass der Kellner mir eine frisch gefaltete Serviette auf den Teller stellt, machen mich dann doch stutzig.

Mittwoch: Das Highlight der Woche! Friedrichshafen - Überlingen

Den Dienstag haben wir wegen des lang anhaltenden Starkwindes mit einem Besuch des Zeppelinmuseums und shoppen in Friedrichshafen verbracht. Der heutige Tag stellt sich als das seglerische Highlight unseres Sommer-Törns heraus. Anfangs ist die Welle noch so kurz und steil, dass sich der Amwindkurs recht ruppig anfühlt. Unser erklärtes Ziel ist der Überlingersee, der nordwestliche Arm des Bodensees, und so müssen wir bei diesem Westwind wohl oder übel aufkreuzen. Auf der Höhe von Schloss Kirchberg dreht der Wind und legt noch einen Zahn zu. Die Sonne schaut nun immer mehr hervor und so werden die klammen Finger doch noch warm. Ab Mittag haben wir dann die optimale Konstellation von Sonne, Wind und Welle. Was für ein Segelvergnügen! Innert kürzester Zeit flitzen wir von der Haltnau (D) nach Altnau (CH). Hier treffen wir zufälligerweise auf meinen Vater, welcher uns mit seinem Folkeboot bis vor Unteruhldingen begleitet. Hier bekommen wir schon die "Macken" des Überlingersees zu spüren. An beiden Seiten dieses Seeteiles steigt das Ufer stärker an als am übrigen See, was eigene Windverhältnisse schafft und Fallwinde begünstigt. Stark drehende und auch in der Stärke variierende Winde erfordern heute unsere volle Aufmerksamkeit. In Überlingen finden wir im Westhafen sofort einen Platz. Der Wind hält bis kurz vor Sonnenuntergang durch. Wir genießen den Ausblick von einem Restaurant direkt am See. Hannes, auch ein Folkebootsegler, zeigt uns die versteckten Gassen von Überlingen und lässt uns den Duft violetter Glyzinien einatmen. Er hat uns einen selbst gepflückten Blumenstrauß aufs Schiff gestellt. Wir sind gerührt.

Donnerstag: G, wie Genua und Grillen

Hannes segelt heute als unser Gast mit. Er hat uns heute Morgen nochmals einen größeren Blumenstrauß mitgebracht, der uns vor ein kleineres logistisches Problem stellt. Für das Reisen - genauer genommen das Segeln - mit Blumensträußen sind wir nämlich nicht wirklich eingerichtet. Natürlich sind wir geschmeichelt und sehen deshalb auch großzügig darüber hinweg, dass Hannes auf der ganzen Strecke ununterbrochen redet. Nebst den beiden Blumensträußen transportieren wir auf Wunsch von Johannes nun auch noch eine Kiste mit Brennholz..... Dank der Topgenua gleiten wir bei minimalem Wind und stahlblauem Himmel dem Hafen "Löchle" am Seeende entgegen. Wegen der brennenden Sonne spannen wir auch noch den Sonnenschirm auf. Leider haben die Winde der vergangenen Tage den eh schon frischen, da tiefen Überlingersee noch weiter abgekühlt und so ist ein Bad nicht wirklich attraktiv. Der Hafen "Löchle" liegt in einem Naturschutzgebiet und ist der romantischste Schiffsparkplatz, den man sich vorstellen kann. Wir sind gut geschützt, umgeben von tief hängenden Weiden und Schilf. Hinter uns hat eine Entenfamilie ihr Nest gebaut. Abends grillen wir, richtig, mit unserem mittransportierten Holz, am Grillplatz des Segelclubs Stockach vor dem Clubhaus. Danach lauschen wir auf dem Nachbarschiff den Gitarrenklängen des Charterseglers Peter. Über uns breitet sich ein Sternenzelt aus und ich gerate ins Träumen. Als uns der Gitarrist und Sänger Peter fragt, ob wir diese Woche Segelschule machen, verspielt er sich allerdings einige Sympathiepunkte.

Freitag: Die Ruhe vor dem Sturm

Nach einem ausgiebigen Frühstück an Bord, mit Kaffee aus der eigenen Nespresso-Maschine, heißt es nun diese Idylle zu verlassen. Beim Ablegen schwimmt doch tatsächlich seelenruhig ein Biber an unserem Schiff vorbei! Bei leichtem, aber ständig die Richtung wechselndem Wind schaffen wir uns langsam Richtung Osten vor. Der Zweimaster "Das Wappen von Danzig" ist mit Touristen beladen unterwegs. Heute wird hier sicher niemand seekrank. Wir befinden uns gerade vor der Pfahlbausiedlung von Unteruhldingen, als sich der Himmel rasch verdunkelt. Die Sturmwarnung ist bereits in Betrieb als wir mit Volldampf dem Hafen Haltnau entgegenmotoren. Kaum haben wir angelegt, braust der Sturm los. Im Restaurant lässt sich so ein Sturm natürlich locker abwettern!

Samstag: Herbststimmung

Wolkenverhangen zeigt sich heute der Himmel, richtig herbstlich. Kühl ist es geworden und der Nieselregen drückt etwas aufs Gemüt. Der Wind will auch nicht so recht. Nach einer Stunde dümpeln mit dem (jetzt frisch gewaschenen) Breezer, müssen wir aufgeben und auf den Motor umstellen. Nachmittags treffen wir dann in unserem Heimathafen Arbon ein. Bei diesem traurigen Wetter fällt einem der Abschied vom Schiff wenigstens nicht allzu schwer. Während unseres Törns hatten wir von allem etwas: Sonne, Wind, Sturm, Flaute und Regen. Auch alle Segel wurden mal gelüftet. Das volle Programm eben, gerade so wie es sein soll auf einem abwechslungsreichen Sommertörn rund um den Bodensee.

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